Ende 2024 haben wir rund 20 engagierte Waldschützer*innen und Naturliebhaber zusammengebracht, um gemeinsam Bäume zu fällen. Das wirkt zunächst widersprüchlich, denn als Waldakademie vertreten wir normalerweise die klare Haltung, dass wir viel weniger in den Wald eingreifen und ihn mehr sich selbst überlassen sollten. Wie passt das zusammen?
Die Antwort: In den allermeisten Fällen ist Nichtstun tatsächlich der beste Naturschutz. Doch es gibt seltene Situationen, in denen gezielte Eingriffe sinnvoll und notwendig sind. Dann nämlich, wenn eine Baumart das ökologische Gleichgewicht massiv stört. In unserem Fall betraf das die Douglasie.
Der Lieblingsbaum der Forstwirtschaft
Doch was haben wir denn gegen die Douglasie (Pseudotsuga menziesii)? Sie gilt als einer der großen Hoffnungsträger der deutschen Forstwirtschaft. Ursprünglich stammt sie von der Pazifikküste Nordamerikas und wird als „Zukunftsbaum“ gehandelt. Sie soll die zunehmend ausfallende Fichte als wirtschaftlich bedeutendste Baumart ersetzen.
Dafür bringt sie viele Eigenschaften mit:
- sie wächst schnell und gerade
- sie wird sehr hoch
- ihr Holz ist hochwertig und witterungsbeständig
In Nordrhein-Westfalen war sie 2024 die am häufigsten gepflanzte Baumart.
Ein Fremdkörper im heimischen Ökosystem
Aus ökologischer Sicht wirft das jedoch Fragen auf. Deutschland liegt in der kühlgemäßigten Klimazone, in der natürlicherweise sommergrüne Laubwälder dominieren. Diese sogenannten nemoralen Wälder werden vor allem von Eichen, Buchen, Linden und Ahornarten geprägt.
Nadelbäume sind in diesem System eher die Ausnahme und kommen natürlicherweise vor allem in kälteren oder extremen Standorten vor. Die Douglasie gehört eindeutig nicht zu diesem natürlichen Artenspektrum.
Seit 200 Jahren hier – und doch nie wirklich angekommen
Die Douglasie wird seit über 200 Jahren in Deutschland angebaut. Trotz ihrer Herkunft aus einem eher kühl-feuchten Klima trotzt sie hier erstaunlich gut den heißen und trockenen Sommern des Klimawandels.
Doch ihre Widerstandsfähigkeit hat einen besonderen Grund:
Niemand mag sie.
Und das ist wortwörtlich gemeint.
Warum an der Douglasie so wenig Leben hängt
Die Douglasie stammt aus einem Ökosystem, das unserem hier in Mitteleuropa fremd ist. Mit Ausnahme weniger generalistischer Arten ist die Douglasie für Insekten, Vögel und andere Organismen weitgehend wertlos.
Sie wächst daher zunächst ziemlich unbeschadet. Zwar leidet sie unter Hitze und Trockenheit, doch im Unterschied zu anderen Baumarten wird sie nicht zusätzlich durch Schädlinge belastet, wie es etwa bei der Fichte der Fall ist.
Für den Baum selbst ist das zunächst vorteilhaft. Für das Ökosystem jedoch entsteht ein Problem: Jede Art spielt eine Rolle, und viele spezialisierte Arten finden keine Nahrung mehr, da die Douglasie heimische Gehölze ersetzt. Nach Angaben des Senckenberg-Instituts sind 98,6 % der Insektenarten, die sich von Pflanzen ernähren, auf heimische Gehölze angewiesen.
Keine Wiederheimkehrerin, sondern ein Neuling
Oft wird behauptet, die Douglasie sei ein „Spät-Wiederkehrer“, also eine Art, die schon vor der letzten Eiszeit bei uns vorkam. Für die Gewöhnliche Douglasie gibt es dafür jedoch keinen Nachweis. Zwar existierten vor elf Millionen Jahren verwandte Arten, doch die spezialisierten Insekten, die an diese gebunden gewesen wären, hätten eine Wartezeit von vielen Millionen Jahren sicher nicht überlebt.
Ökologisch betrachtet ist die Douglasie bei uns also eine eingeführte Art.
Wenn aus Einführung Invasion wird
Damit nicht genug: Die Douglasie zeigt invasives Verhalten. Das bedeutet, sie kann heimische Arten verdrängen und Lebensgemeinschaften massiv verändern – besonders auf sensiblen, naturschutzfachlich wertvollen Standorten. Genau das beobachten wir auf unserer Testfläche in Wershofen.
Unsere Fläche liegt an einem felsigen, nach Süden exponierten Hang. Der Boden ist flachgründig und speichert kaum Wasser. Solche Standorte sind auf trockenheits- und wärmeliebende Spezialisten angewiesen, zum Beispiel knorrige Eichen oder Weißmoose. Diese benötigen feuchte Waldluft und ein relativ geschlossenes Kronendach, können aber längere Trockenperioden durch Trockenschlaf überstehen.
Die Douglasien, die sich von benachbarten Flächen ausgebreitet haben, bedrohen dieses fragile Gleichgewicht: Sie nehmen den spezialisierten Arten das Licht und drohen, perspektivisch sogar die Eichen zu überwachsen. Ein lichtdurchfluteter, warmer Wald könnte sich so in einen dunklen Douglasienforst verwandeln.
Da die Douglasie immergrün ist, verstärkt sie zusätzlich die Trockenheit. Ihr dichtes Kronendach lässt kaum Regen auf den Boden gelangen, und sie entzieht selbst im Winter Wasser. In Kombination mit den zunehmend heißen Sommern des Klimawandels kann dies für die Eichen auf unserer Fläche bereits kritisch werden.
Wasserhaushalt und ökologische Folgen
Der Unterschied zwischen Douglasie und Eiche ist dabei nicht nur eine Fußnote: Eine Eiche lässt mehr als dreimal so viel Wasser in den Boden eindringen wie eine Douglasie. Für den Wald bedeutet das: Ohne den zusätzlichen Wasserentzug durch die Douglasien hätten die Eichen auf unserer Fläche bessere Überlebenschancen.
Langfristig stellt sich die Frage: Was passiert, wenn auch der Douglasie das Klima zu trocken wird? Dann könnten Schädlinge, die durch Einschleppung bereits folgen – wie die Douglasienwolllaus – die Bäume zusätzlich schwächen. In ihrer nordamerikanischen Heimat würden spezialisierte Vogelarten und andere Organismen regulierend eingreifen. Bei uns fehlen diese natürlichen Gegenspieler, wodurch das Problem noch verschärft wird.
Exemplarisch zeigt sich hier die Problematik von durch Menschen verschleppten Arten. Nach Angaben des Weltbiodiversitätsrats sind an etwa 60 % aller dokumentierten Aussterbeereignisse invasive Arten beteiligt, 16 % werden alleine von ihnen verursacht. Meist wirken sie zusammen mit Lebensraumverlust und Klimawandel – so wie auf unserer Testfläche.
Eingreifen oder abwarten? Ein Versuch
Wie schlägt sich der Eichenwald im Klimawandel mit zusätzlichem Stress durch die Douglasie – wie ohne? Auf einer Teilfläche haben wir uns entschieden, die Douglasien zu entfernen.
Die Maßnahme wird wissenschaftlich begleitet: Es wurden vier Probekreise angelegt. Auf zwei Flächen werden alle 2–3 Jahre neue Douglasien entfernt, auf den anderen beiden erfolgt kein weiterer Eingriff. Zudem wurden zwei Flächen eingezäunt, um Wildverbiss zu verhindern – eine Fläche mit regelmäßiger Entfernung und eine Fläche nach einmaliger Verjüngung.
Klar ist: Auf Gesamtdeutschland gesehen werden wir die Douglasie wohl kaum wieder ganz loswerden. Somit ist für uns jedoch eine Forderung nach einem allgemeinen Verkaufs- und Anbauverbot für invasive Pflanzenarten, insbesondere in Schutz- und Naturschutzgebieten, zentral. In der Schweiz sind solche Regelungen bereits umgesetzt: Seit 2024 ist der Verkauf invasiver Arten wie Kirschlorbeer oder Blauglockenbaum untersagt.
Was unsere Wälder wirklich brauchen
Die Douglasie kann in dichten, stabilen Laubwäldern ohnehin kaum Fuß fassen, weil es zu dunkel für sie ist. Deshalb gilt: Weniger ist oft mehr. Übermäßige Eingriffe sind nicht nötig, in vielen Fällen ist es am besten, die Natur sich selbst zu überlassen. Gleichzeitig erfordert der Klimawandel engagiertes Handeln und ein wachsames Auge auf invasive Arten.
Gelegentlich kann es sinnvoll sein, gezielt Bäume zu fällen – als präventive Maßnahme zum Schutz des Ökosystems und zur Erhaltung der Biodiversität.
Fazit
Auf unserer Testfläche in Wershofen kann durch gezielte Entfernung von Douglasien wieder Licht und Wasser in den Wald zurückkehren. Heimische Arten haben so die Chance, sich zu erholen, und das Ökosystem kann sich stabilisieren.
Naturschutz bedeutet nicht immer Nichtstun. Manchmal erfordert er gezieltes Eingreifen, wissenschaftliche Begleitung und gemeinschaftliches Handeln. Dank des Engagements vieler Helferinnen und Helfer kann unser kleiner, wertvoller Waldstandort wieder durchatmen – und wir sind gespannt, wie sich das Waldbild in den kommenden Jahren entwickeln wird.
Literatur
Bundesamt für Naturschutz (2025) (Hrsg.): Naturschutzfachliche Invasivitätsbewertungen und Gesamtartenliste der in Deutschland wild lebenden gebietsfremden Gefäßpflanzen. BfN-Schriften 731.
Hauck M. (2025): Schlussbericht zum Vorhaben: Effekt der Beimengung von trockenheitstoleranten Baumarten in Rotbuchenbeständen für die pflanzliche Diversität (Gefäßpflanzen, Moose, Flechten).
Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (2023) (Hrsg.): Summary for policymakers of the thematic assessment of invasive alien species.
Jaureguiberry, P., Titeux N., Wiemers M., Bowler D., Coscieme L., Golden, A., Guerra C., Jacob U., Takahashi Y., Settele J., Diaz S., Molnar Z., Purvis A. (2022): The direct drivers of recent global anthropogenic diversity loss. Science Advances 8 (45).
Reise J., Urrutia C., Böttcher H., Hennenberg K. (2020): Literaturstudie zum Thema Wasserhaushalt und Forstwirtschaft. Öko-Institut e.V.
Schuch S., Kahnis T., Floren A., Dorow W., Rabitsch W., Goßner M., Blank S., Liston A., Segerer A., Sobczyk T., Nuß M. (2024): Die Bedeutung von Gehölzen für einheimische, phytophage Insekten. Natur und Landschaft 99 (4).









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