Wald vor Wild? Warum Wildabschüsse eher ein ökonomisches als ein ökologisches Thema sind
In Deutschland werden jedes Jahr mehr als zwei Millionen große Wildtiere, vor allem Rehe und Hirsche, geschossen. Die Begründung: Der Wald müsse geschützt werden. Früher jagte man aus Nahrungssicherung oder zu herrschaftlichen Zwecken. Heute lautet das Narrativ: Ohne Jagd könnten bestimmte Tierarten Pflanzungen zerstören, besonders junge Laubbäume, die der „Waldumbau“ benötigt.
Sehen wir uns dieses Argument einmal genauer an.
Lichtmangel in natürlichen Laubwäldern
Ein Blick in naturnahe Laubwälder, wie unsere UrwaldProjektflächen, zeigt, dass die Tiere dort keinesfalls alles abfressen. Unter dem schattigen Schutz der Altbäume wachsen zahlreiche kleine Bäumchen. Die Knospen dieser jungen Pflanzen sind winzig – sie enthalten kaum Zucker oder Stärke und schmecken daher einfach nicht so gut. Ein Reh müsste zudem pro Tag Unmengen davon abbeißen, um satt zu werden. Andere Vegetation ist dort kaum zu finden: Der beste Abwehrmechanismus von Laubwäldern ist der Lichtmangel, der verhindert, dass der Boden grün und mit potenzieller Nahrung für Rehe und Hirsche bedeckt ist.
Besonders im Winter wirkt der Wald daher als natürliche Populationsbremse. In dieser Engpasszeit reguliert sich die Wildtierpopulation weitgehend von selbst.

Auflichtungen, Pflanzungen und Wildtiermanagement in bewirtschafteten Wäldern
Wenn der Wald vom Menschen „umgebaut“ werden soll, beispielsweise von einer Nadelholzplantage hin zu einem strukturreicheren Mischwald, werden Bäume aus Baumschulen gepflanzt. Diese Pflänzlinge wurden stets gut gewässert und gedüngt und sind daher saftig und nährstoffreich. Gleichzeitig haben Auflichtungen und Kahlschläge ideale Bedingungen für Rehe und Hirsche geschaffen: Dort wächst oft Brombeere, wintergrün und energiereich. Für Rehe ist sie eine Winternahrung in großer Menge – und die Baumschulpflanzen eine willkommene „Nachspeise“ und Ergänzung im Nahrungsangebot. Das natürliche Regulierungssystem, wie es in Laubwäldern funktioniert, greift hier nicht mehr.
Jagd soll dieses Missverhältnis ausgleichen. Doch die Statistik zeigt: In den letzten Jahren sind die Abschüsse für Rehwild stetig gestiegen. Dennoch ist der Wildverbiss im Wald nach wie vor sehr hoch. Das deutet darauf hin, dass die Jagd in Deutschland kaum Einfluss auf die Population der Rehe hat.

Es gibt zwar lokale Beispiele, bei denen eine starke Bejagung zu weniger Verbissschäden an den kleinen Bäumchen führt. Ob dies flächendeckend in Deutschland mit Hobbyjägern umsetzbar ist, bleibt zu bezweifeln.
Aus ökologischen Gründen ist die Jagd im Wald grundsätzlich überflüssig
Forstwirte und Forstwirtinnen pflanzen oft hundertmal mehr Bäume, als eigentlich benötigt werden. Ziel: gegenseitiger Schatten sorgt dafür, dass die Bäume hochwachsende Stämme ausbilden. Ohne diese künstliche Verdichtung würden die Bäume breite Kronen in Bodennähe entwickeln, die wirtschaftlich weniger gut nutzbar sind. Erst die nächste Generation Jungbäume wäre dann gezwungen, höhere Stämme auszubilden, um selbst etwas vom Licht abzubekommen. Würde man außerdem abgestorbene Bäume stehen lassen, würden diese irgendwann umfallen und eine Art natürlichen Verhau bilden, der die Rehe fernhält.
Es muss als ganz klar unterschieden werden, ob wir über ein ökonomisches oder ein ökologisches Problem sprechen. Rehe verhindern keinen Wald, sondern rentable Forstwirtschaft.
Wer versucht, den Wildfraß durch höhere Abschüsse in den Griff zu bekommen, der beschäftigt sich mit den Symptomen, ohne über die – eindeutig menschengemachten - Ursachen nachzudenken.
Ein Lösungsansatz, der klar auf der Hand liegt: Macht nicht so viel Licht im Wald.







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