Eine Analyse der betroffenen Waldfläche
Etwa 300 Hektar Wald hat der Brand im Hürtgenwald in der Eifel im August 2026 erfasst. Es war der wohl bislang größte Waldbrand NRWs. Wir haben uns deshalb genauer angeschaut, welche Waldflächen dort eigentlich brannten: Rund ein Drittel des Gebiets besteht aus ehemaligen Kahlschlagflächen.
Rund ein Drittel der Fläche waren Kahlschläge
Für unsere Auswertung haben wir die Brandfläche aus dem European Forest Fire Information System (EFFIS) von Copernicus mit den Baumartenkarten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) abgeglichen.

Die Werte sind Näherungen, da die tatsächliche Brandfläche und die verfügbaren Wald- und Baumartendaten nicht vollständig deckungsgleich sind.
Wichtig: „Kalamität“ ist keine Baumart. Die 30 Prozent entsprechen der DLR-Klasse „Canopy Cover Loss“ und beschreiben Flächen ohne Waldbestand zum Zeitpunkt der Aufnahme. Nicht klassifizierte Punkte wie Wege, Blößen und Nichtwaldflächen wurden bei der Auswertung nicht als Bestand gezählt.
Das Ergebnis: Rund 30 Prozent der ausgewerteten Fläche entfallen auf die DLR-Klasse „Canopy Cover Loss“. Dabei handelt es sich um Flächen, auf denen zum Zeitpunkt der Aufnahme kein Waldbestand mehr vorhanden war – in diesem Gebiet vor allem ehemalige Kalamitäts- und Kahlschlagflächen.
Ein Blick auf die Baumartenverteilung vor dem Verlust der Bestände zeigt: Auf diesen Flächen standen 2016 zu 83 Prozent Fichten und zu 17 Prozent Kiefern. Diese Angaben stammen aus den DLR-Daten für 2016. Die Aufstellung zeigt, welche Baumarten dort zuvor standen, aber nicht, wann zwischen 2016 und 2022 der Verlust der Bestände eingetreten ist.
Warum ausgerechnet diese Flächen so gut brennen
Auf den Kahlschlagflächen ist seitdem wieder Vegetation aufgekommen. Doch die Bedingungen dort sind hart. Ohne Kronendach trifft die Sonne ungebremst auf den Boden, der Wind streicht frei über die Fläche, und an heißen Sommertagen heizt sich die bodennahe Luft weit stärker auf als im geschlossenen Wald.
Genau das ist den jungen Bäumen zum Verhängnis geworden. Ihre Wurzeln reichen noch nicht tief, sie können bei anhaltender Trockenheit kein Wasser aus tieferen Bodenschichten aufnehmen. Die Hitze- und Dürrejahre der vergangenen Zeit haben deshalb einen erheblichen Teil des Jungwuchses auf diesen Flächen austrocknen lassen.
Damit entsteht ein Problem, das über den Verlust der Bäume hinausgeht: Abgestorbene Jungbäume, dürre Gräser, Reisig und Kraut sind feines Brennmaterial. Solches Feinmaterial trocknet innerhalb weniger Stunden vollständig ab, entzündet sich bei geringster Energiezufuhr und trägt ein Feuer sehr schnell weiter. Ein Funke reicht.
Auf einer offenen, mit trockenem Feinmaterial bedeckten Fläche kann sich ein Lauffeuer daher rasant ausbreiten – deutlich schneller als in einem geschlossenen Bestand, in dem das Material feucht bleibt und der Wind gebremst wird.
Die Brandspuren liegen auffällig oft auf diesen Flächen
Besonders deutlich wird die räumliche Verbindung beim Blick auf die Wärmeanomalien, die während des Brandes von Satelliten erfasst wurden. Ein großer Teil der registrierten Brandaktivität liegt auf oder unmittelbar an den ehemaligen Kahlschlagflächen.

Das ist zunächst eine räumliche Beobachtung und noch kein Beleg dafür, wo das Feuer entstanden ist oder warum es sich so verhalten hat. Aber es passt zu dem, was wir über Brandverhalten wissen – und es macht die Frage relevant, welche Art von Wald wir nach großflächigen Waldschäden entstehen lassen.
Denn Wald ist nicht gleich Wald, wenn es um Waldbrand geht.
Bodenschutz ist Waldbrandschutz
Ein intakter Waldboden ist einer der größten Wasserspeicher, die wir haben. Sein Porensystem nimmt Regen auf, hält ihn zurück und gibt ihn über Wochen langsam an die Bäume ab. Genau dieser Speicher entscheidet darüber, wie lange ein Wald eine Trockenphase durchhält.
Und genau dieser Speicher leidet, wenn wir mit schwerer Technik durch den Wald fahren. Erntemaschinen und Rückefahrzeuge bringen viele Tonnen Gewicht auf wenige Quadratmeter. Der Boden wird verdichtet, die groben Poren werden zerdrückt. Wasser versickert dann nicht mehr, sondern läuft oberflächlich ab. Wurzeln kommen schlechter durch, der Bestand erschließt weniger Bodenvolumen und damit weniger Wasser.
Das Fatale daran: Diese Verdichtung verschwindet nicht wieder. Sie bleibt über Jahrzehnte bestehen, in schweren Fällen deutlich länger.
Beim Räumen großer Kalamitätsflächen wird häufig in einem sehr dichten Gassennetz befahren. Was zurückbleibt, ist ein Boden, der weniger Wasser hält, unter einer Vegetationsdecke, die überwiegend aus Gras besteht.
Wir sehen das auf unserer eigenen Windwurffläche. Nördlich des Weges haben wir sämtliche geworfenen Bäume liegen gelassen. Südlich davon hat der Nachbar geräumt und gemulcht. Beide Flächen sind heute bewachsen – aber bei uns wächst Naturverjüngung im Schatten des liegenden Holzes, gegenüber überwiegend Gras. Nach vielen Wochen Trockenheit zeigen die Satellitendaten zur Vegetationsfeuchte einen deutlichen Unterschied zwischen beiden Flächen.
Jeder Liter Wasser, den ein Boden speichert, ist ein Liter, der der Vegetation im Sommer zur Verfügung steht. Und damit Material, das nicht brennt.

Laubwälder sind weniger brandanfällig
Naturnahe Wälder mit heimischen Laubbäumen schaffen andere Bedingungen als trockene, von Nadelbäumen geprägte Bestände oder offene Kahlschlagflächen. Heimische Laubwaldökosysteme halten viel Wasser im Ökosystem. Ein geschlossenes Kronendach sorgt für ein feuchteres und kühleres Mikroklima, während der Waldboden weniger schnell austrocknet. Gleichzeitig gibt es in einem naturnahen, geschlossenen Wald weniger leicht entzündliches, trockenes Material als auf offenen Flächen mit junger Vegetation. Während es in Nadelwäldern durch die in den Nadeln enthaltenen ätherischen Öle auch schneller zu Kronenbränden kommen kann, brennt im Laubwald meist nur die Laubstreu.
Naturnahe Laubwälder können deshalb unter vergleichbaren Bedingungen wesentlich schwerer und langsamer brennen.
Gerade mit Blick auf den Klimawandel wird diese Frage immer wichtiger. Längere Trockenperioden erhöhen das Waldbrandrisiko. Gleichzeitig haben wir in Deutschland in den vergangenen Jahren große Waldflächen durch verloren.
Die Antwort darauf sollte nicht darin bestehen, möglichst schnell wieder dieselben anfälligen Waldstrukturen herzustellen. Wir brauchen große, zusammenhängende und naturnahe Waldgebiete mit heimischen Laubbäumen. Wälder, die auch mit den Bedingungen der kommenden Jahrzehnte zurechtkommen – und die einem Feuer möglichst wenig Angriffsfläche bieten.
Junge Wälder brauchen wir trotzdem
An dieser Stelle ist ein Missverständnis leicht möglich, deshalb sagen wir es deutlich: Dass junge Wälder in ihren ersten Jahren anfälliger für Feuer sind, ist kein Argument gegen junge Wälder.
Die Verletzlichkeit eines jungen Waldes ist ein vorübergehender Zustand. Sie endet, wenn sich das Kronendach schließt, wenn Schatten entsteht, wenn die Wurzeln tief genug reichen. Eine gleichaltrige Nadelholz-Anpflanzung dagegen bleibt dauerhaft anfällig, über ihre gesamte Lebenszeit hinweg.
Entscheidend ist deshalb, wie ein junger Wald entsteht. Naturverjüngung unter dem Schirm alter Bäume startet unter völlig anderen Bedingungen als eine Pflanzung auf geräumter, offener Fläche. Und liegendes Grobtotholz spendet Schatten, hält Feuchtigkeit im Boden und schützt die jungen Bäume. Es ist nicht das Material, das ein Feuer schnell macht. Schnell macht es das Feinmaterial: dürres Gras, Reisig, Mulch – Reste aus der Holzernte.
Wer jetzt aufgekommene Jungwälder wieder entfernen oder „aufräumen“ will, weil sie in der Anfangsphase brennbar sind, verlängert genau das Problem, das er lösen will.
Wir müssen an diesen Wäldern festhalten.
Und wir brauchen Feuerkonzepte für Siedlungen im Wald
Neben der Frage, wie der Wald der Zukunft aussehen soll, brauchen wir konkrete Konzepte für Orte und Infrastruktur in und am Wald.
Im Hürtgenwald kommt eine Besonderheit hinzu: Große Teile des Gebiets sind bis heute mit Kampfmitteln aus dem Zweiten Weltkrieg belastet. Das schränkt ein, wo Einsatzkräfte überhaupt arbeiten können – und macht deutlich, wie wichtig Planung im Vorfeld ist.
Waldumbau und Feuerkonzepte sind kein Entweder-oder. Das eine wirkt langfristig, das andere sofort. Wir brauchen beides.
Waldschutz beginnt vor dem Waldbrand
Der Waldbrand im Hürtgenwald zeigt eindrücklich, wie wichtig es ist, Wald nicht nur kurzfristig wieder aufzuforsten, sondern langfristig widerstandsfähige Ökosysteme zu entwickeln.
Denn wenn Waldbrände durch Dürreperioden künftig wahrscheinlicher werden, müssen wir auch darüber sprechen, welche Wälder wir heute wachsen lassen – und wie wir mit den Böden umgehen, auf denen sie stehen.
Wir bedanken uns bei allen Einsatzkräften und Helferinnen und Helfern, die den Brand im Hürtgenwald bekämpft haben. Auch bei uns in Wershofen waren Rauch und Brandgeruch deutlich wahrnehmbar.
Für uns ist das ein weiterer Grund, uns für naturnahe Wälder einzusetzen. Mit unserem UrwaldProjekt in der Eifel schützen wir alte Waldflächen dauerhaft vor Abholzung und fördern damit genau das, was wir langfristig brauchen: große, zusammenhängende und möglichst natürliche Waldökosysteme.








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