Die Feedback-Runden am letzten Tag unserer Waldführer*innen-Ausbildung sind häufig emotional: Alle spüren instinktiv, dass diese 10 Tage etwas verändert haben und noch lange nachhallen werden. Vier Jahre ist es nun her, dass auch Sonja Schulz in einer solchen Runde saß – eine gute Gelegenheit, mit ihr auf diese Zeit zurückzublicken und darüber zu sprechen, wie sich die Ausbildung auf ihr Leben auswirkte.
Warum hast du damals die Ausbildung zur Waldführerin gemacht? Wo standest du beruflich, was hat dir gefehlt?
Sonja: Ich hatte früher eigentlich keinen besonderen Bezug zum Wald.
Dann gab es diesen einen Tag, der alles verändert hat: Als LKW-Fahrerin fuhr ich in den Wald, um Buchenstämme zu verladen, die später in einen Seecontainer für den Export nach China gehen sollten. Während ich neben dem Verlader stand und die Arbeit beobachtete, sah ich, wie die gefällten Stämme immer wieder gegen die noch lebenden Buchen schlugen. Die Rinde flog regelrecht durch die Luft.
In diesem Moment geschah etwas, das ich kaum in Worte fassen kann. Ich hatte das Gefühl, die Bäume würden schreien. Ich spürte ihren Schmerz und ihre Verletzlichkeit so deutlich wie nie zuvor.
Ich rief dem Verlader zu, er solle vorsichtiger sein. Erst da wurde ihm bewusst, was er eigentlich tat. Die letzten Stämme verlud er dann deutlich achtsamer.
Für mich war das ein Wendepunkt. An diesem Tag wurde mir klar, dass ich mich für den Wald einsetzen möchte. Ich wollte verstehen, welche Bedeutung er für unser Leben, für die Erde und für kommende Generationen hat – und dieses Bewusstsein auch anderen Menschen vermitteln.
Was war deine größte Erkenntnis im Rahmen der Ausbildung?
Sonja: Eine meiner größten Erkenntnisse kam durch einen Brief, den wir zu Beginn der Ausbildung geschrieben haben: Darin hielten wir fest, was wir uns erhoffen und wo wir uns am Ende der Ausbildung sehen.
Am Ende der Ausbildung bekam ich genau diesen Brief zurück – und er begleitet mich bis heute.
Mein letzter Satz darin vom 11.04.2022 lautet:
Wo sehe ich mich am Ende der Ausbildung? "In einem universellen Wald – als ein Mensch, der die Fähigkeiten hat, etwas zu verändern, Natur und Erde zu schützen."
Gab es in der Ausbildung einen Moment für dich, der alles verändert hat?
Sonja: Der Moment, der alles verändert hat, war kein einzelner Augenblick – sondern ein Prozess.
Sehr schnell habe ich in der Gruppe eine Freude am Miteinander erlebt, verbunden mit Gelassenheit, Achtsamkeit und einem respektvollen Umgang, den ich so vorher nicht kannte. Ich habe mich sofort sehr wohl gefühlt.
Auch die Dozentinnen und Dozenten haben mir ein großes Gefühl von Sicherheit gegeben. Sie haben mich darin bestärkt, vor Gruppen zu sprechen, mich auszuprobieren und einfach ich selbst zu sein.
Es waren viele kleine, prägende Momente: die Metamorphose der grünen Stinkwanze mit eigenen Augen zu sehen, die Weißtanne mit neuer Wertschätzung wahrzunehmen, den „Geschmack des Waldes“ zu erleben und Methoden kennenzulernen, die Bewusstsein erweitern und Menschen wirklich berühren können.
Aus all diesen Erfahrungen ist in mir langsam die Klarheit gewachsen, dass ich diesen Weg gehen möchte – mit dem Wald und mit Menschen zu arbeiten.
Was machst du heute?
Sonja: Wohllebens Waldakademie hat den Grundstein für meinen beruflichen Weg im Bereich der Wald- und Naturpädagogik gelegt.
Heute bin ich zertifizierte Waldführerin durch die Waldakademie sowie studierte Natur- und Umweltpädagogin. Zusätzlich bin ich PilzCoachin der DGfM und bilde mich kontinuierlich im Bereich Waldpädagogik weiter.
Ich arbeite mit Menschen jeden Alters – von Kindern in Kitas und Schulen bis hin zu Erwachsenen – sowie auch mit Menschen mit Blindheit, mit denen ich neue Wege der Naturerfahrung im Wald entwickle und erprobe.
Meine Arbeit findet in Schulen, Kitas, sozialen und Bildungseinrichtungen sowie in verschiedenen Projekten statt. Dazu gehören unter anderem Sicherheitsbegehungen für Lehrkräfte und Erzieherinnen sowie die Entwicklung und Umsetzung von Natur- und Waldprojekten, teils auch als Pilotprojekte.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Pilzbildung: Hier begleite ich Kinder und Jugendliche und nehme ihnen inzwischen auch ihre Pilzabzeichen ab.

Darüber hinaus betreibe ich den Naturpodcast „Waschbär und Robin KIDS“, in dem ich Naturwissen kindgerecht vermittle.
Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit ist das ehrenamtliche Engagement im Wald- und Naturschutz sowie die Mitarbeit im Team eines Kinderbauernhofs. Dort wurde ich im vergangenen Jahr mit dem Sozialpreis für Demokratiebildung ausgezeichnet. Zudem wurde ich im Dezember für meine Methoden in der Waldpädagogik im Bereich Inklusion und Pilzbildung als BNE-zertifizierte Bildungsperson anerkannt.
Seit 2022 bin ich mit „Wald Deines Lebens“ selbstständig tätig – mit dem Ziel, diesen Weg kontinuierlich weiter auszubauen. Der Ruf des Waldes wird dabei zunehmend deutlicher.
Hast du Tipps für Menschen, die einen ähnlichen Weg gehen möchten?
Sonja: Eine gute Vorbereitung ist essenziell, insbesondere für den Schritt in die Selbstständigkeit. Dazu gehören Eigeninitiative, der aktive Aufbau von Kontakten sowie Disziplin und Organisation, zum Beispiel in der Buchhaltung.
Ebenso wichtig ist es, sich selbst nicht zu verlieren. Regelmäßige Reflexion – etwa durch Supervision oder Austausch – hilft, die eigene Entwicklung bewusst zu begleiten: Was passt noch zu mir? Was darf sich verändern?
Im Zentrum stehen für mich die Verbindung zur Natur, die Liebe zu sich selbst und zum Menschen. Und vor allem sehe den Mensch vor dir...er erwartet etwas von dir und sehnt sich vielleicht nach etwas...du kannst hier Türen aufhalten...
Bleib fachlich und gesellschaftlich auf dem aktuellen Stand, bilde dich kontinuierlich in Umwelt- und Waldthemen weiter und nimm dir regelmäßig Zeit, selbst in den Wald zu gehen – denn dort lernt man auf die schönste Weise.
Jane Goodall sagte einmal:
„What you do makes a difference, and you have to decide what kind of difference you want to make.“
Vielen Dank für das inspirierende Gespräch und alles Gute für deinen weiteren Weg, liebe Sonja! Bis bald in Wershofen!








Leave a comment
All comments are moderated before being published.
This site is protected by hCaptcha and the hCaptcha Privacy Policy and Terms of Service apply.